Ein gesegnetes Weihnachtfest

"Papa, was bedeutet Friede?" Valentin ging erst in die Vorschule, konnte aber schon ein bisschen lesen. Er hatte dieses Wort groß auf der Tafel stehen sehen.

"Der Friede ist ein Geschenk und Frieden ist", sagte der Vater, "wenn alle Menschen sich verstehen. Wenn niemand mehr zu den Waffen greift, und keiner einem anderen ein Leid zufügt."
Robert, Valentins älterer Bruder, sah seinen Vater skeptisch an. "Wenn niemand mehr zu den Waffen greift? Das gibt´s doch gar nicht! In vielen Ländern herrscht Krieg.

"Hab´keine Angst, Valentin. Es gibt jemand, der viel, viel stärker ist als alles Böse in der Welt und alle Kriege, und einmal, es war vor langer Zeit, da gab es auf der ganzen Erde Frieden."
Robert schüttelte widerstrebend den Kopf. "Das glaube ich nicht. Du liest doch die Zeitung. Wann soll denn das geschehen sein?"

Da fing der Vater an zu erzählen. "Es war vor langer, langer Zeit, da machte sich ein Mann mit seiner zukünftigen Frau auf den Weg nach Bethlehem. Seine Verlobte war hochschwanger, und die Reise daher nicht ungefährlich. Was sollte nur werden, wenn das Kind jetzt zur Welt kam? Doch Maria war zuversichtlich. Sie war so überzeugt von Gottes Hilfe, dass sie selbst diese Reise nicht abschrecken konnte. Als sie nun in Bethlehem ankamen, setzten doch tatsächlich die Wehen ein. Das Kind würde in Kürze zur Welt kommen. Josef erschrak nicht schlecht. So ganz alleine, ohne jede Hilfe und Unterkunft.

"Ich werde beim nächsten Haus anklopfen", dacht er und schaute sich um, ob er nicht einen hellen Kerzenschein in einem Haus erspähen konnte. Dunkel war´s und eisig kalt. Kein Ort zum Kindergebären! Maria hielt ganz fest Josefs Hand, sie wusste schon, auf Josef konnte sie sich verlassen. Der ging mit ihr durch dick und dünn. Endlich sahen sie ein Haus, in dem noch Licht brannte, und Maria schaute Josef fragend an. "Ich werde hier bitten, Maria. Du brauchst eine Unterkunft. Das Kind kann jeden Augenblick zur Welt kommen. Vertrau mir, Gott wird uns beistehen." Da hörte Maria auf Josef, und er klopfte an. Unwirsch öffnete der Wirt die Tür. "Was wollt ihr denn? Wohl Bettler. Weg mit euch! Ich kann euch hier nicht brauchen!", und er knallte die Tür wieder zu. Traurig standen sie nun vor der verschlossenen Tür. "Hab keine Angst", sagte Josef, und er drückte liebevoll Marias Hand, "nicht alle Menschen sind so hartherzig. Irgendjemand wird uns einen Raum geben." So gingen sie von Tür zu Tür und baten um eine Unterkunft für sich und das kommende Kind. Doch das Herz der Menschen war verschlossen. Keiner wollte für sie Platz haben.

Da, auf einmal, es waren bereits Stunden vergangen, und Maria war ganz erschöpft, erblickte Josef einen Stall am Ende eines kleinen Weges. Und da er freundlich aussah, traten sie ein. Mitten drin stand eine Futterkrippe, gerade groß genug, um ein Kind hineinzulegen. "Schau doch", sagte Josef, "eine Krippe für unser Kind. Und die Kühe im Stall bewegten ihre Köpfe hin und her und schauten sie ganz einladend an, als wollten sie sagen: "Kommt nur, kommt, es steht alles für euch bereit." Auch ein Esel, der Hunger hatte, kam ganz nahe zur Krippe und rieb fest seinen Kopf daran. Auch er schien zu sagen: "Bleibt bei uns, bitte bleibt, und legt das Kind ins Stroh!" Da lachte Maria und rief voller Freude:" Schau nur, wie herzlich uns die Tiere willkommen heißen!" Und sie blieben im Stall, denn es war die Zeit für die Geburt ihres Kindes gekommen. Der Himmel war dunkel und klar, und abertausende Sterne funkelten wie Diamanten um die Wette. Manche Sterne schlugen sogar dann und wann Purzelbäume, als ob sie sich über irgendetwas besonders freuten, und Liebespärchen, die noch unterwegs waren, zeigten in den Himmel und jubelten laut: "Oh schau, eine Sternschnuppe. Schnell, wünsch dir was!"

Und Gott hörte die Wünsche all seiner Kinder und sah voll Liebe auf sie herab.
Da geschah es, dass tausende Engel auf die Erde hinabflogen. Menschen, die gerade noch gestritten hatten, fielen sich von einer Minute auf die andere lachend um den Hals, und ihre Kinder träumten die schönsten Träume. Soldaten ließen ihre Gewehre zu Boden sinken, und niemand konnte mehr töten oder hassen. Selbst ein Wolf, der ein Schaf nahe der Krippe reißen wollte, legte sich mitten zu den Schafen. Er hob witternd den Kopf, als beschützte er sie, wie es sonst nur ein Schäferhund tut. Da staunten die Hirten und fragten sich, was das wohl zu bedeuten hatte, und der Jüngste sah auf die Sterne und auf den Wolf und zu den anderen: "Kommt, lasst uns sehen! Was geschieht nur heute Nacht?"

Da war Friede auf der ganzen Welt eingekehrt. Friede und Ruhe ringsumher. Nur der Schrei eines neugeborenen Kindes zerriss die Stille der Nacht.
Valentin und Robert hatten aufmerksam zugehört. Da sagte Robert: "Du meinst, es hat auf der ganzen Welt Frieden gegeben?"

"Ja", sagte der Vater, "auf der ganzen Welt. Er war ein Geschenk unseres Gottes, der uns mehr liebt als alles andere auf der Welt."

"Und heute? Was ist heute?", wollte Valentin wissen. "Dieses Kind, das uns den Frieden brachte", sagte der Vater, "lebt auch heute noch. Und damit wir das ja nie vergessen, denken wir jedes Jahr in dieser Nacht an dieses Kind. Und Menschen, die das verstanden haben, geben sich oftmals die Hände und wünschen einander den Frieden und sagen still und leise:" So wie damals, du weißt schon, als die Engel auf die Erde flogen."

"Und das Kind", so schloss der Vater seine Geschichte, "es lächelt dazu."
"Es lächelt? Warum?, fragte Robert.

"Weil es uns liebt und weil Friede glücklich macht", sagte der Vater und legte zärtlich die Hände auf die Schultern seiner Kinder. 

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